Zwischen Karneval und Existentialismus. Literatur und Kultur im Jugoslawien der sechziger Jahre

Authors

Davor Beganović
University of Münster, Institut für Slavistik

Synopsis

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs schien es zunächst nicht, als würde die jugoslawische Kultur sich anders entwickeln als die in den übrigen „Volksdemokratien“, nämlich entlang jener Richtlinien, wie sie von der Poetik beziehungsweise Ideologie des sozialistischen Realismus vorgegeben wurden. Der Bruch mit Stalin und die damit verbundene politische Distanzierung von der unter dem Diktat der Sowjetunion stehenden Welt führten jedoch zu einer Entwicklung, die sich grundlegend von dieser aufgezwungenen Poetik unterschied. Ein Grund dafür war, dass die jugoslawische Avantgarde der Vorkriegszeit ihren Zufluchtsort zumeist auf der linken Seite des politischen Spektrums gesucht hatte. Daher wurden ihre dominierenden Strömungen – nach dem Schock der Resolution des Kominform 1948 und einer kurzen Phase der Neuorientierung – zu einem entscheidenden Faktor bei der Gestaltung der Kultur des neu entstandenen Staates.

Dennoch war der Diskurs der klassischen Avantgarde beziehungsweise, präziser gesagt, der Moderne keineswegs die einzige offiziell anerkannte Ausdrucksform im kulturellen Bereich. Spuren des sozialistischen Realismus blieben weiterhin präsent, während sich in alternativen Räumen Strömungen entwickelten, die bereit und in der Lage waren, die Hermetik der Avantgarde infrage zu stellen. Die zentrale These dieses Buches lautet, dass sich die divergierenden Tendenzen, die sowohl dem Realismus als auch der Moderne innerhalb der gemeinsamen jugoslawischen Kultur entgegenstanden, zunächst in der bildenden Kunst manifestierten – und zwar in der Künstlergruppe Mediala. Deren bedeutendster Vertreter, Leonid Šejka, stellte auf subtile Weise die zentralen poetologischen Paradigmen beider Richtungen in der Kultur des Jugoslawiens der Nachkriegszeit infrage.

Was mit Mediala begann, setzte sich fort und entwickelte sich weiter in der Literatur, im Film und insbesondere in der Philosophie. Dabei lassen sich zwei Modelle erkennen, die sich sowohl vom Realismus als auch von der Avantgarde absetzen und sich an zwei unterschiedlichen künstlerischen Zugängen zur Welt orientieren: Das eine ist mit dem Existenzialismus verbunden, das andere mit dem Karneval. Keines der beiden Modelle muss dabei notwendigerweise in reiner Form auftreten. Im Gegenteil: Die Gattungsvermischung, wie sie etwa in der Prosa von Miodrag Bulatović oder Mirko Kovač zu beobachten ist, besteht parallel zu Formen eines „reinen“ Existenzialismus (Antun Šoljan) beziehungsweise eines „reinen“ Karnevals (Bora Ćosić). Ähnliche Tendenzen lassen sich auch im Film verfolgen, insbesondere in jener Strömung, die unter dem Namen „Schwarze Welle“ in die Filmgeschichte eingegangen ist. Živojin Pavlović (Existenzialismus) und Dušan Makavejev (Karneval) sind Beispiele für zwei gegensätzliche Herangehensweisen an die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit.

Diese Entwicklung blieb jedoch nicht auf den kulturellen Bereich beschränkt. Eines der bedeutendsten politischen Ereignisse im Jugoslawien der späten 1960er Jahre war die Studentenrevolte, die zunächst in Belgrad und später auch in anderen Universitätszentren des Landes ausbrach. In ihren öffentlichen Auftritten nahm sie häufig eine karnevaleske Form an, während sie ihre ideologische Grundlage in der Aneignung von Ideen der Praxis-Gruppe fand, die ihrerseits in engem Zusammenhang mit den Grundsätzen existenzialistischer Philosophie stand.

Gerade in dieser Politisierung der Kultur der 1960er Jahre liegen auch jene Momente, die schließlich zu ihrem Niedergang führten – als Folge der kompromisslosen Abrechnung des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens mit ihren Protagonisten. Insbesondere Filmschaffende wurden Opfer einer neuen Rigidität in der jugoslawischen Kulturpolitik – und nicht nur dort. Vor diesem Hintergrund erscheint es geradezu paradox, dass die Kultur der „langen Sechziger“, die 1954 mit der Gründung von Mediala ihren Anfang nahm, mit der Grupa šest („Gruppe Sechs“) endet, die unter dem Dach des Belgrader Studentischen Kulturzentrums gegründet wurde. Dieses Kulturzentrum war selbst als eine Art Kompromisslösung entstanden, die die Kommunisten den Studierenden anboten, um deren rebellischen Geist zu besänftigen. Marina Abramović, die bedeutendste Künstlerin der Gruppe, löste sich jedoch bald von ihr, ging ihren eigenen Weg und wandte sich anderen Bühnen zu. So markierte ihre Performance Thomas Lips / Lips of Thomas auf besondere Weise das Ende einer Epoche, die von den Diskursen des Karnevals und des Existenzialismus geprägt war.

Chapters

  • Danksagung
  • 1. Einleitung. Jugoslawische Kultur der langen 1960-er Jahre – ein Land im Umbruch
  • 2. Unio mystica. Leonid Šejka und die Wiederbelebung der Tradition der Malerei
  • 3. Grotesk verdrehtes Patriarchat
  • 4. Skatologische Sprache des Karnevals
  • 5. Aneignung der Religion in der Literatur der 1960er-Jahre
  • 6. Bedrückende Brüderlichkeit
  • 7. ‚Krugovaši‘. Eine Generation am Rande der Existenz
  • 8. Zwischen karnevalesker Biographie und existentialistischer Autobiographie. Danilo Kišs Garten, Asche
  • 9. Cinéma vérité im jugoslawischen Kontext. Die „schwarze Welle“
  • 10. Die kulturellen Hintergründe der Studentenrevolte in Jugoslawien 1968
  • 11. Die Prosa des neuen Realismus
  • 12. Das Kind im Karneval
  • 13. Erzählen als Missverständnis. Ökonomie in Borislav Pekićs Hodočašće Arsenija Njegovana
  • 14. Pathetische Ethik des Körpers. Marina Abramovićs Lips of Thomas
  • Bibliographie

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Author Biography

Davor Beganović, University of Münster, Institut für Slavistik

Davor Beganović promovierte und habilitierte an der Universität Konstanz. Derzeit ist er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Slavistik der Universität Münster tätig. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Südslavistik, der Komparatistik sowie der Literaturtheorie. Zu seinen Veröffentlichungen zählen die Monografien Pamćenje traume. Apokaliptička proza Danila Kiša (Das Gedächtnis des Traumas. Die apokalyptische Prosa Danilo Kišs, 2007), Poetika melankolije. Na tragovima suvremene bosansko-hercegovačke književnosti (Poetik der Melancholie. Auf den Spuren der zeitgenössischen bosnisch-herzegowinischen Literatur, 2009), Protiv kanona. Mlada crnogorska književnost i okamenjeni spavač (Gegen den Kanon. Die junge montenegrinische Literatur und der versteinerte Schläfer, 2010), Pripovijedanje bez kraja. Hrvatska pripovjedačka Bosna od Ive Andrića do Nebojše Lujanovića (Erzählen ohne Ende. Das kroatische erzählerische Bosnien von Ivo Andrić bis Nebojša Lujanović, 2022) sowie Anatomija otpora imperiju. Ogledi o ukrajinskoj književnosti (Anatomie des Widerstands gegen das Imperium. Essays zur ukrainischen Literatur, 2026). Gelegentlich ist er auch als Übersetzer aus dem Deutschen und Englischen tätig.

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Published

17. July 2026.

Details about the available publication format: PDF

PDF

ISBN-13 (15)

978-953-379-276-7

Publication date (01)

2026

Details about the available publication format: Print edition

Print edition

ISBN-13 (15)

978-953-379-099-2

Publication date (01)

2025

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